Sehr geehrte Damen und Herren,

wir freuen uns, Ihnen das erste Rundschreiben des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine im Jahr 2021 zukommen lassen zu können. Die aktuelle Situation spiegelt sich auch in der Landschaft wissenschaftlicher Veranstaltungen wider: Mehr denn je, sind digitale Veranstaltungen und virtuelle Projekte en vogue. Die zweite Jahreshälfte 2021 wird – so die Zuversicht vieler Veranstalter – wieder mehr menschliche Begegnungen zulassen. Dazu wird auch der jährlich stattfindende Tag der Landesgeschichte gehören. In diesem Rundschreiben möchten wir Sie auf den Tag der Landesgeschichte, digitale sowie analoge Projekte, Veranstaltungen und Neuerscheinungen hinweisen.

48. Tag der Landesgeschichte 2021

Am 29. und 30. Oktober 2021 wird in Lübeck der 48. Tag der Landesgeschichte auf Einladung des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde (VLGA) stattfinden. Der VLGA ist im Jahr 1821 gegründet worden. Das Vortragsprogramm ist daher den bürgerlichen (Geschichts-) Vereinen des 19. und 20. Jahrhunderts gewidmet. Weitere Informationen werden zu gegebener Zeit auf der Webseite des Gesamtvereins veröffentlicht.

Verleihung des Forschungspreises 2020

Den Forschungspreis für das Jahr 2020 des Gesamtvereins der Deutschen Geschichts- und Altertumsvereine erhielt anlässlich des 47. Tages der Landesgeschichte in Mühlhausen Dr. Martin Sladeczek. Seine Dissertation trug den Titel: „Vorreformation und Reformation auf dem Land in Thüringen Strukturen – Stiftungswesen – Kirchenbau – Kirchenausstattung“. [mehr zur Arbeit erfahren]

Rückblick auf den 46. Tag der Landesgeschichte in Regensburg 2019

Der 46. Tag der Landesgeschichte in Regensburg markierte im Jahr 2019 mit der Neuwahl des Vorstandes eine Zäsur. Nach mehreren Jahren im Beirat und 20 Jahren im Vorstand als Schatzmeister und danach als Vorsitzender stellte sich Prof. Dr. Manfred Treml nicht mehr der Wahl an und wurde zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Dr. Johannes Mötsch wurde zum neuen Vorsitzenden gewählt. Zudem kamen acht weitere Mitglieder neu in Vorstand und Beirat. Inhaltlich widmete sich die Tagung dem Thema „Länderparlamentarismus im frühen 19. Jahrhundert“ und wurde durch viele spannende Vorträge bereichert. [Lesen Sie hier den gesamten Rückblick]

Digitales

Virtuelle Ausstellung zu Adolf Spamers Andachtsbilder

Über Jahrzehnte sammelte der Volkskundler Adolf Spamer (1883–1953) kleine Andachtsbilder. Sein am ISGV verwahrter Nachlass, der zwischen 2017 und 2019 digital erschlossen wurde, beinhaltet aber nicht allein die Objekte, sondern auch wissenschaftliches Material, das Spamers langjährige Beschäftigung mit dem visuellen Medium dokumentiert. Eine virtuelle Ausstellung bei der Deutschen Digitalen Bibliothek widmet sich nun seinen Praktiken und Techniken des Sammelns. Knapp 100 ausgewählte Objekte geben Einblick in die Vielfalt der Sammlung. Alle 400 kleinen Andachtsbilder aus dem Nachlass können auch bei der Deutschen Digitalen Bibliothek eingesehen werden. [zur Ausstellung]

45 Jahre Kloster Veßra

Das Hennebergische Museum Kloster Veßra feiert seinen 45. Geburtstag. Um das Jubiläum trotz der aktuellen Pandemie-Situation zu feiern, hat das Museum digitale Wege beschritten: Die virtuelle Ausstellung „45 Jahre Museum in Kloster Veßra. 45 Objekte – 45 Geschichten“. [zur Ausstellung]

Eröffnung des virtuellen Lesesalons APERTUS

Ob frühmittelalterliche Urkunde oder elektronische Akte, ob prächtige Amtsbücher oder wertvolle Karten – die Landesarchivverwaltung verfügt über den größten Schatz an schriftlichen Kulturgütern in Rheinland-Pfalz. Einmalige und unersetzliche Zeugnisse aus und über die Geschichte des Landes von 816 bis in die Gegenwart sind dort archiviert und recherchierbar.

Künftig stehen die Dokumente aller Standorte der Landesarchivverwaltung in einer umfassenden Datenbank mit einer anwenderfreundlichen zur Verfügung. Nach dem Prinzip des Open Access ist der kostenlose Download elektronischer Dokumente gestattet. Interessierte Bürgerinnen und Bürger, aber auch wissenschaftlich Forschende, können wo auch immer und wann auch immer den digitalen Lesesaal APERTUS (Access – Persönliche Beratung – Eigenes Konto – Reproduktionen – Teilnahme – Universelle Information – Suche) nutzen.

Die Eröffnung des virtuellen Lesesaals durch Ministerpräsidentin Malu Dreyer fand Ende Januar in einer live gestreamten Pressekonferenz statt, die nun als Video zur Verfügung steht. [zum Video (Facebook-Link)]

Ninfa: Das „Pompeji des Mittelalters“

Im Oktober 2020 wurden erste Ergebnisse des Projektes im Rahmen einer Tagung in Ninfa vorgestellt. Was trotz Corona präsentiert werden konnte, wurde elektronisch übermittelt. Die Vorträge wurden in italienischer Sprache vorgetragen, der letzte, sehr zu empfehlende Beitrag in englischer Sprache präsentiert.

Bisher war man der Ansicht, die Garten- und Ruinenstadt sei – von wenigen Ausnahmen wie dem bekannten Ferdinand Gregorovius abgesehen - erst nach der Umwandlung in den heutigen Gardino seit den 1920er Jahren wahrgenommen worden. Das Gegenteil trifft nach meinen bisherigen Recherchen zu. Ninfa wurde im Verlauf des langen 19. Jahrhunderts zu einem ausgesprochen international wahrgenommenen Sehnsuchtsort und oftmals mit Metaphern wie Pompei des Mittelalters, Dornröschenschloss, Zauberstadt etc. belegt.

[Projektbeschreibung] [Videomitschnitt der Vorträge (italienisch)]

Open Access: Brandenburgisches Landeshauptarchiv

Das Brandenburgische Landeshauptarchiv macht seine Publikationen kostenfrei digital zugänglich. Mehr als 70 Bände stehen seit Januar 2021 im Open Access zum Herunterladen bereit. Damit ermöglicht das Landeshauptarchiv einen offenen Zugang zu zahlreichen Grundlagenwerken der landesgeschichtlichen Forschung. Die ersten beiden dieser druckfrischen und digitalen Bände liegen bereits vor: „Belastung und Bereicherung. Vertriebenenintegration in Brandenburg ab 1945“ von Peter Bahl, sowie „»Man bleibt eben immer der Flüchtling«. Eine Quellenedition zur Flucht und Vertreibung aus dem Kreis Arnswalde 1945-1947“ von Veronica Kölling. Nach Brandenburg kamen nicht nur Flüchtlinge aus der Neumark, aus Schlesien und Ostpreußen sowie dem sog. Warthegau. Das Land wurde nicht nur zu einem wichtigen Zielpunkt insbesondere auch für viele Pommern. Die Kreise Arnswalde und Friedeberg in der Neumark waren 1938 der Provinz Pommern angeschlossen worden. Insofern ist die jetzt vorgelegte Studie zu den Menschen, die aus dem Kreis Arnswalde bei Kriegsende fliehen mußten bzw. anschließend vertrieben wurden, von erheblichem Interesse für die zeitgeschichtliche Forschung. [weitere Informationen]

Veranstaltungshinweise

18.-20. März 2021. Online-Tagung „Wege – Gestalten – Profile. Katholische Kirche in der sächsischen Diaspora“. Eine Veranstaltung des Bistums Dresden-Meißen in Kooperation mit dem ISGV.

Die Wiedergründung des Bistums Meißen von 1921, zunächst noch mit dem Bischofssitz in Bautzen, war ein entscheidender Schritt zur endgültigen Gleichberechtigung der beiden großen christlichen Konfessionen in Sachsen. In den folgenden Jahrzehnten fand die katholische Kirche unabhängig von staatlichen Strukturen ihre spezifische, oft eher unauffällige, aber doch hör- und sichtbare Rolle innerhalb der Gesellschaft – im traditionell protestantischen Sachsen, unter zwei Diktaturen und nach 1990 im wiedervereinigten Deutschland. Die bevorstehende 100-Jahr-Feier der Wiedergründung des Bistums bietet jetzt einen willkommenen Anlass, um bei der Tagung ausgewählte Fragen zur Geschichte der katholischen Kirche in Sachsen, aber auch innerhalb der gesamtdeutschen Situation zu erörtern. [weitere Informationen]

21. April bis 14. Juli 2021. „Jüdisches Schwaben. Neue Perspektiven auf das Zusammenleben von Christen und Juden“. Digitale Vorlesungsreihe des Instituts für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Universität Tübingen im Rahmen des Studium Generale (SoSe 2021).

Erst Jahrzehnte nach dem Holocaust setzte eine intensive Beschäftigung mit jüdischer Geschichte in Deutschland ein. Dabei standen auch in Württemberg und Schwaben lange Zeit die Shoah und der mit ihr verbundene Zivilisationsbruch im Vordergrund. Doch Jüdinnen und Juden haben davor Jahrhunderte lang im deutschen Sprachraum gelebt. Auch im deutschen Südwesten ist jüdische Geschichte mehr als nur eine Vorgeschichte der Katastrophe. Deshalb zeigt die Ringvorlesung neue Perspektiven auf das Zusammenleben von Juden und Christen. Die Forschungen der letzten Jahre – von der Stadtarchäologie über die Sachkulturforschung bis zur Mikrogeschichte – verweisen auf bislang weitgehend unbeachtete Phasen funktionierender Koexistenz von Juden und Christen, im Mittelalter und der Neuzeit. Im Fokus der Beiträge stehen Transferprozesse, kultureller Austausch und die Vielfalt an Kontakten, die neben Repressionen und verweigerter Zugehörigkeit das Leben von Juden in der Region prägten. Die Schlussdiskussion mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg und dem Beauftragten der Landesregierung gegen Antisemitismus thematisiert die aktuelle Situation von Juden in Baden-Württemberg. [weitere Informationen]

5. Mai bis 1. Dezember 2021 in Dresden. Filmreihe: Mit Victor Klemperer im Kino. Eine Filmreihe des ISGV und der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB).

Jenseits seines wissenschaftlichen Œuvres wurde Victor Klemperer, der ab 1920 in Dresden lehrte, einer breiten Öffentlichkeit durch seine erstmals 1995 in Buchform, 2019 als Online-Edition im Volltext veröffentlichten Tagebücher bekannt. In diesen erweist er sich als genauer Beobachter der Zeitverhältnisse. Vor allem dokumentierte er die systematische Ausgrenzung und Verfolgung der Juden nach 1933 in ebenso akribischer wie bedrückender Weise. Zugleich sind aber auch die zahlreichen Kinobesuche des Ehepaars Klemperer ein nicht unbedeutender Aspekt der Tagebuchnotate. Für die Jahre der Weimarer Republik verzeichnen die Tagebücher ca. 750, teils ausführlich besprochene Filme, wobei immer wieder auch die Vorführungsorte und die Praxis des Kinogehens thematisiert werden. Nach 1933 nahm die Häufigkeit der Kinobesuche analog zu den Einschränkungen der Teilhabe am öffentlichen Leben ab, um 1938 vollends abzubrechen, nachdem Juden der Besuch aller öffentlichen Einrichtungen verboten worden war. Als Hommage an den passionierten Kinobesucher Victor Klemperer zeigt die Reihe ab Juni 2021 sechs Filme der 1930er-Jahre, die er in Dresdner Kinos gesehen und in seinen Tagebüchern kommentiert hat. Jedem Film wird eine Einführung zum zeitgeschichtlichen Kontext, zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte und zur Dresdner Kinokultur vorangestellt.

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1.-3. Juli 2021 in Weingarten (in Württemberg, Diözese Rottenburg-Stuttgart). Tagung „Jüdisches Leben in Schwaben - Kultur und Geschichte in der Frühen Neuzeit“.

Organisation: Arbeitskreis Jüdisches Schwaben (AKJS) unter der Leitung von Prof. Dr. Sigrid Hirbodi-an und Prof. Dr. Benigna Schönhagen am Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Universität Tübingen in Kooperation mit der Akademie der Diözese Rot-tenburg-Stuttgart. [weitere Informationen]

23.-25. September 2021 in Schmalkalden. Tagung „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen. Bilanz und Perspektiven der Forschung“.

Für 2021 hat der Freistaat Thüringen das Themenjahr „900 Jahre jüdisches Leben in Thüringen“ ausgerufen, das bereits am 1. Oktober 2020 eröffnet wurde. Die „Historische Kommission für Thüringen“ plant gemeinsam mit der „Forschungsstelle für Neuere Regionalgeschichte Thüringens“ und weiteren Kooperationspartnern in diesem Zusammenhang eine dreitägige wissenschaftliche Tagung. In vier Sektionen (Mittelalter, Frühe Neuzeit, 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert) soll einerseits eine Bilanz der bislang für den thüringischen Raum vorliegenden Arbeiten gezogen und sollen andererseits Perspektiven für weitere Forschungen aufgezeigt werden. Die Tagung soll zugleich den 28. Tag der Thüringischen Landesgeschichte bilden. [weitere Informationen]

21.-23. Oktober 2021 in Eisenach. Tagung „Luther auf der Wartburg (1521/22). Vom Septembertestament zur Vollbibel. Übersetzungen – Druck und Buchillustrationen – Rezeption“.

Martin Luthers Aufenthalt auf der Wartburg bei Eisenach zwischen dem 4. Mai 1521 und der ersten Märzwoche des Jahres 1522 gilt gemeinhin als ein Ereignis von welthistorischer Dimension. Es ist eingebettet in Luthers Auftreten vor „Kaiser und Reich“ in Worms im April 1521 einerseits und der sich rasant ausbreitenden „Reformation von unten“ im ernestinischen Kurfürstentum Sachsen und den benachbarten Regionen andererseits – vorrangig jedoch in Thüringen. Wirkten bereits die radikalen Luther-Schriften des Jahres 1520 wie Brandbeschleuniger, so leistete der Reformator mit seiner Übersetzung des Neuen Testaments ebenso ein herausragendes Werk, das ihm letztlich durch die Vollendung der Gesamtübersetzung der Heiligen Schrift und ihrem Erscheinen als sogenannte Vollbibel im Jahr 1534 in der Offizin des Hans Lufft Weltgeltung eintrug. Die philologisch-intellektuellen (humanistische Bibelübersetzungen, spätmittelalterliche Bibelübersetzungen in den Volkssprachen – also vor [!] Luther), strategisch-politische (Reichstag zu Worms, Kurfürstenhof zu Wittenberg, beginnende Radikalisierung der Reformation durch Karlstadt), alltäglich-organisatorische (Übersetzung und Übersetzungshilfen auf der Wartburg, Alltag auf der Wartburg), publizistisch-logistische (Buchdruck, Flugschriften, Leistungsfähigkeit der Wittenberger Druckereien, Vertrieb des Neuen Testaments), vor allem ästhetisch-bibliophile (Illustrationen der Drucke, Illumination der Vollbibel) sowie letztlich sprachgeschichtliche und rezeptionsmächtige Konstellationen und Begleitumstände (frühneuhochdeutsche Sprachentwicklung infolge der Adaption der „mitteldeutschen Ausgleichssprache; Rezeption der Lutherbibel und des Lutherkatechismus durch die Volksaufklärung) stehen im Zentrum dieser interdisziplinär ausgerichteten Tagung mit internationaler Beteiligung. [weitere Informationen]

Aktuelle Projekte

Bad Waldsee

Im Rahmen des DFG Projekts Bad Waldsee werden die Auswirkungen einer mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Stadtentwicklung auf Gewässer am Beispiel von Bad Waldsee im Zeitraum zwischen ca. 1200 bis 1800 untersucht. 

Sowohl anthropogene Einflüsse als auch natürlich klimatische Ereignisse lassen sich anhand von historisch schriftlichen sowie natürlichen Archiven erforschen. Bei diesem Projekt werden daher Seesedimentkerne aus dem Stadtsee geochemisch-biologisch, dendrochronologisch sowie palynologisch untersucht. Aus der schriftlichen Überlieferung wie etwa Urkunden, Rechnungen oder Lagerbüchern wird eine bevölkerungs-, klima- und wirtschaftsgeschichtliche Analyse vorgenommen sowie eine Wirtschaftstopografie von Bad Waldsee erstellt. Beteiligt sind die Universität Tübingen, die TU Darmstadt, die TU Braunschweig und das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg.

Nach Erhebung und Auswertung der historischen und naturwissenschaftlichen Daten, deren Ab-gleich, einer gemeinsamen Analyse und Interpretation, sollen die Erkenntnisse zu einem Modell des mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Mensch-Klima-Umweltsystems für Bad Waldsee und seiner Umgebung zusammengeführt werden.

Gräberfeld X

Über 1.000 Menschen wurden in der NS-Zeit auf dem Gräberfeld X des Tübinger Stadtfriedhofs beigesetzt, nachdem sie dem Anatomischen Institut zu Lehr- und Forschungszwecken überlassen worden waren. Die meisten waren Opfer der NS-Gewaltherrschaft: Kriegsgefangene, Hingerichtete, polnische Zwangsarbeiter*innen oder Insassen von sogenannten „Arbeitshäusern“ und „Arbeitserziehungslagern“. Auch die Übrigen waren ohne ihre Zustimmung in die Anatomie verbracht worden, weil ihren Familien die Mittel fehlten, um für eine Beerdigung aufzukommen. Das von Stadt und Universität Tübingen getragene Projekt hat sich unter Leitung von Prof. Dr. Benigna Schönhagen das Ziel gesetzt, die Lebensgeschichte möglichst vieler dieser Toten zu rekonstruieren. Es untersucht damit auch die Rolle und Verantwortung des Anatomischen Instituts wie der Medizinischen Fakultät im NS-System. Hinsichtlich der künftigen Erinnerungsarbeit am Gräberfeld X ist zu klären, wie in angemessener Form sowohl der Opfer der NS-Gewaltherrschaft als auch derjenigen Menschen gedacht werden kann, die ohne ihr Zutun und ohne ihre Zustimmung als Leidtragende einer überkommenen Praxis der Leichenbeschaffung in die Anatomie eingeliefert worden sind.

Projektstart „Klosterregister und Klosterbuch für Pommern“

Nachdem 2016 das Mecklenburgische Klosterbuch erschienen ist, soll nunmehr das Projekt für den östlichen Landesteil umgesetzt werden. Vorbilder sind die Klosterbücher, die in den vergangenen Jahren z. B. Westfalen, Brandenburg und zuletzt für Schleswig- Holstein und Hamburg. „Die Entstehung und Entwicklung der Klöster ist nur als europäisches Phänomen zu verstehen. Die überregionale Zusammenarbeit mit Ankerpunkten in Greifswald, Kiel und Stettin/ Szczecin steht genau dafür“, betonte Kulturministerin Bettina Martin im heutigen Pressegespräch. „Mit dem Klosterbuch für Pommern wird es nicht nur ein Geschichtskompendium für den östlichen Landesteil geben, sondern auch ein Werk, das zwei direkte Nachbarn im Ostseeraum – Polen und Deutschland – verbindet. „Seit ihrer Gründung vor 110 Jahren hat die Historische Kommission für Pommern zahlreiche Großvorhaben im Bereich der Landesgeschichte angeregt und umgesetzt“, so Prof. Dr. Haik Thomas Porada, Vorsitzender der Historischen Kommission für Pommern. „Das Pommersche Klosterbuch ist dabei seit dem Mauerfall das mit Abstand aufwendigste Projekt, dessen Umsetzung unter Leitung unseres Mitglieds Prof. Dr. Oliver Auge nur dank der Kooperation mit unseren polnischen Partnern möglich ist.

Neuerscheinungen

Adolf E. Hofmeister, Jan van de Kamp (Bearb.): Denkbuch des Bremer Bürgermeisters. Daniel von Büren des Älteren 1490-1525. In Verbindung mit der Historischen Gesellschaft Bremen herausgegeben vom Staatsarchiv Bremen. Bremisches Jahrbuch, Zweite Reihe, Fünfter Band, 400 S. ISBN 978-3-95494-235-0.

Mit der historisch-kritischen Erstedition des Denkbuchs des Bremer Bürgermeisters Daniel von Büren wird eine der bekanntesten Quellen zur bremischen Geschichte erstmals vollständig publiziert. Das Denkbuch entstand als privates Memorialbuch an der Schwelle vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit und berührt auch das Zeitalter der jungen Reformation in Bremen. Die mittelniederdeutschen Aufzeichnungen stammen von einem Mann, der fast ein halbes Jahrhundert lang (1490-1538) an zentraler Stelle Verantwortung als Ratsherr und Bürgermeister trug. Sie sind überlieferungsgeschichtlich ein großer Glücksfall, führen sie doch in den amtlichen und privaten Alltag eines Mitglieds der städtischen Führungsschichten und behandeln vielfältige Gegenstände. Hierzu gehören Fragen von Recht und Verfassung, der Ratsherrschaft im Landgebiet, aber auch der Rechnungslegung im öffentlichen Amt. Diplomatische Missionen führen zu Hanse und Reich, auch das komplizierte Verhältnis zur Kirche und zum erzbischöflichen Stadtherrn vor und während der Reformation wird deutlich.

Schon früh entstanden Abschriften und auszugsweise publizierte Texte dieser wichtigen Quelle, doch fehlte bis heute eine wissenschaftliche Gesamtedition. Dr. Jan van de Kamp hat sich als verantwortlicher Bearbeiter in einem Forschungsprojekt an der Universität Bremen einer Neutranskription gewidmet, Dr. Adolf E. Hofmeister hat eine um einen wissenschaftlich-kritischen Apparat sowie ein Register erweiterte Edition des Textes erstellt. 

Das Staatsarchiv Bremen und die Historische Gesellschaft Bremen freuen sich als Herausgeber der Zweiten Reihe des Bremischen Jahrbuchs, dass dieser wichtige Quellentext zur bremischen Geschichte nun für Forschung und Öffentlichkeit zur Verfügung steht. [Verlagsprospekt] [Leseprobe]

Barrierefreie Online-Publikation „Urbane Kinokultur. Das Lichtspieltheater in der Großstadt 1895–1949“ (ISGV digital 2), 2020.

Der als barrierefreie Onlinepublikation konzipierte Band dokumentiert eine interdisziplinäre Tagung, die das ISGV im Rahmen des Forschungsprojekts „1918 als Achsenjahr der Massenkultur. Kino, Filmindustrie und Filmkunstdiskurse in Dresden vor und nach 1918“ in Kooperation mit den Technischen Sammlungen Dresden im November 2019 durchgeführt hat. Vertreterinnen und Vertreter der Geschichtswissenschaft, Kulturanthropologie, Soziologie, Medienwissenschaft und Architektur fragen in 15 Beiträgen nach Kontinuitäten und Umbrüchen des Kinos in der Großstadt zwischen 1895 und 1949, ergänzt um gelegentliche Ausblicke auf die Entwicklungen der folgenden Jahrzehnte. Gruppiert um die drei Schwerpunkte „Urbane Kinokultur: Das Beispiel Dresden“, „Kino im urbanen Raum – Kino als urbaner Raum“ und „Urbane Kinokultur: Die Klein- und Mittelstadt“ gilt das Interesse den Akteurinnen und Akteuren innerhalb und außerhalb des Kinos, der Kinorezeption sowie wirtschafts- und technikgeschichtlichen Parametern, die mit der Entwicklung der Lichtspieltheater verknüpft werden. [weitere Informationen]

Ditmar Kühne: Ortsfamilien- und Häuserbuch Kulmbach 1630–1700. Nürnberg 2020 (Personengeschichtliche Schriften, 13).

Die evangelischen Kirchenbücher Kulmbachs zählen den ältesten erhaltenen in Deutschland. Zehn Jahre nach dem Erscheinen eines ersten Ortsfamilien- und Häuserbuches, das die prosopographischen Informationen der Kirchenbücher und anderer Quellen ab 1533 systematisch zusammengestellt und die personalen Vernetzungen aufgezeigt hat, konnte nun auch der Folgeband erscheinen. Er arbeitet die sehr ereignisreiche und konfliktträchtige Zeit bis 1700 auf. Damit ist die historische Bevölkerung der markgräflich brandenburgischen Residenzstadt im 16. und 17. Jahrhundert umfassend dokumentiert – ein wichtiges Nachschlagewerk nicht nur für die Personen- und Familiengeschichtsforschung, sondern auch für die Regional- und Sozialhistoriographie.

Eva Schlotheuber, Sigrid Hirbodian (Hgg.): Zwischen Klausur und Welt. Autonomie und Interaktion spätmittelalterlicher geistlicher Frauengemeinschaften (Vorträge und Forschungen, Bd. 91), hg. v. Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterlicher Geschichte, Ostfildern 2021 (erscheint voraussichtlich im Herbst 2021). 

Manfred Treml/Ernst Schütz: Geschichtsvereine, in: Felix Hinz/Andreas Körber (Hg.), Geschichtskultur – Public History – Angewandte Geschichte (utb 5464), Göttingen 2020, S. 359-374.

Michael Matheus: Roma docta. Northern Europeans and Academic Life in the Renaissance, Regensburg 2021. ISBN 978-3-7954-3490-8.

Das Buch enthält eine Reihe von zuvor in deutscher und italienischer Sprache publizierte Studien zur Bildungs- und Universitätsgeschichte in vergleichender europäischer Perspektive.

Die Bedeutung des römischen Universitätsstandorts – so die zentrale These des ersten Teils dieses Buches - wurde bisher vor allem für die Zeit nach der dauerhaften Rückkehr der Päpste in die Stadt am Tiber erheblich unterschätzt. Zwar sind viele Quellen verloren, doch eröffnet die zeitaufwendige Erschließung und Auswertung der in zahlreichen römischen/vatikanischen und europäischen Archiven sowie Bibliotheken erhaltenen Quellensplitter die Möglichkeit, den lange Zeit unterbewerteten Universitätsstandort Rom neu zu beurteilen. Der Begriff des Studienorts soll zudem den Blick über die universitären Einrichtungen hinaus auf das beachtliche Spektrum an Möglichkeiten des Bildungserwerbs in Rom in der Zeit der Renaissance lenken.

Der zweite Teil der Studien ist in vergleichender und europäischer Perspektive besonders zwei der seit der Mitte des 15. Jahrhunderts im nordalpinen römisch-deutschen Reichsgebiet im Kontext eines allgemeinen Bildungsaufbruchs gegründeten Universitäten gewidmet, den 1473 bzw. 1477 eröffneten Hochschulen in Trier und Mainz. Sie zählen zu den ältesten Universitäten in Deutschland. Dabei geht es nicht zuletzt um junge Akademiker aus den Kurfürstentümern Trier und Mainz, die in der Zeit der Renaissance ihr Studium an italienischen Universitäten absolvierten, nicht zuletzt am Studienort Rom. In der den Band abschließenden Studie werden am Beispiel des Themas Rom- und Papstkritik ausgewählte kontroverse Debatten beleuchtet, die zugleich auf transalpine Wahrnehmungs- und Transferprozesse südlich und nördlich der Alpen verweisen. Die sich vor allem seit dem 16. Jahrhundert entwickelnden „nationalen“ und konfessionellen Diskurse generierten Narrative von nachhaltiger Wirkung.

Nadine Hofmann: Herrschaftspraxis und Lehnsbeziehungen der Landgrafen von Thüringen 1382–1440 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe, 59), Wien/Köln/Weimar 2021.

Sigrid Hirbodian, Katharina Huss, Lea Wegner (Hgg.): Zentren der Macht in Schwaben (landeskundig, Bd. 6), Ostfildern 2021 (erscheint voraussichtlich im Juni 2021).

Stefan Gerber/Maren Goltz: Herzog Bernhard III. von Sachsen-Meiningen (1851–1928). Zwischen Erwartung und Realität (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe, 56), Wien/Köln/Weimar 2021.

Sven Leiniger: Mittelalterliche Städte in Thüringen. Eine Untersuchung ihrer Entstehung und Entwicklung (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe, 60), Wien/Köln/Weimar 2021.

Matthias Gärtner: Die Preußensäulen auf der Insel Rügen. Matthias Gärtner hat auf der Publikationsseite der Max Weber-Stiftung einen Beitrag veröffentlicht: Die Preußensäulen von Neukamp und Groß Stresow auf der Insel Rügen. Auf der Insel Rügen stehen zwei Gedenksäulen für den Großen Kurfürsten in Neukamp und für König Friedrich Wilhelm I. in Groß-Stresow. Beide wurden im Auftrag des Königs Friedrich Wilhelm IV. an Landungsorten errichtet, an denen seine Vorfahren während der Nordischen Kriege zur Vorbereitung der Belagerungen von Stralsund die Okkupation der Insel Rügen einleiteten. Rügen war Teil von Schwedisch-Pommern. In Folge des Wiener Kongresses kam diese Teilprovinz 1815 zum Königreich Preußen.

1855 und 1856 wurden diese beiden Säulen geweiht. Die Initiatoren, die beteiligten königlichen und fürstlichen Beamten, die Künstler und Handwerker werden vorgestellt. Neben den Ereignissen ist die Beteiligung von Friedrich Wilhelm IV. bei der Formfindung ein spannendes Moment der Genese der Säulen. [zur Veröffentlichung]

In eigener Sache

Auf der Webseite des Gesamtvereins, die seit Ende des Jahres 2020 nun auch auf Mobilgeräten ansprechend dargestellt wird, findet sich ein Adressverzeichnis aller Vereinsmitglieder. Wir versuchen von uns diese Daten aktuell zu halten – das ist jedoch nicht immer möglich oder gar einfach. Bitte nehmen Sie sich die Zeit, falls noch nicht geschehen, und prüfen Sie, ob Ihre dort hinterlegten Kontaktdaten weiterhin gültig sind. Korrekturhinweise können Sie bequem über das Kontaktformular abschicken oder als Antwort auf diese E-Mail.

Der Gesamtverein führt im Übrigen auch eine Facebook-Seite. Hier finden sie weitere aktuelle Veranstaltungshinweise und Mitteilungen unserer Mitglieder. Schauen Sie doch mal rein!