08.07.2010 | Aktuelles
Grußwort zum 50jährigen Bestehen des Instituts für geschichtliche Landeskunde in Mainz – Mainz, am 28. Juni 2010
Prof. Dr. Heinz-Günther Borck, Stellvertretender Vorsitzender des Gesamtvereins der Deutschen Geschichts- und Altertumsvereine
In unserer schnelllebigen Zeit hat man sich daran gewöhnt, Geschäftsmodelle und Finanzpläne wie Seifenblasen nach wenigen Jahren, manchmal Monaten platzen zu sehen. Die „New economy“, die ihre Anhänger – wie sich herausstellte, mit gutem Grund - nicht ins Deutsche übersetzt sehen wollten, gehörte ebenso zu des Kaisers neuen Kleidern wie Wertpapiere auf uneinbringliche Immobilienkredite oder sonstige Spekulationszertifikate der Banken.
Vor diesem Hintergrund sind 50 Jahre erfolgreichen Bestehens ein berechtigter Grund festlichen Gedenkens.
Es ist mir eine besondere Freude, dem Institut für geschichtliche Landeskunde zu diesem schönen Jubiläum die besten Wünsche von Vorstand und Mitgliedsvereinen – z.Z. 217 mit rd. 150 000 Mitgliedern - des Gesamtvereins der Deutschen Geschichts- und Altertumsvereine überbringen zu dürfen.
Das hiesige Institut gehört sozusagen zu unseren jüngsten Kindern, weil es erst 2002 dem Gesamtverein beigetreten ist, 150 Jahre nach dessen Gründung.
Damals, im 19. Jahrhundert, war die auch staatspolitische Bedeutung von Geschichte kaum strittig. Als Zeugen will ich den im heutigen Rheinland-Pfalz geborenen großen preußischen Reformer und Schöpfer des Grundgesetzes der kommunalen Selbstverwaltung, der heute noch in ihren Grundzügen fortgeltenden Städteordnung von 1808, den Reichsfreiherrn vom Stein, anführen.
Als er 1819 der Bundesversammlung seine Denkschrift über die Errichtung einer Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde – die heutigen Monumenta Germaniae Historica – vorlegte, hieß es darin, dass Geschichte, die sich mit der Entwicklung der Völker befasse, „ebenso sehr von einem starren und naturwidrigen Festhalten an erstorbenen, der Gegenwart nicht mehr angehörigen Formen, als von haltungsloser, die notwendigen organischen Mittelstufen der Entwicklung nicht beachtender und daher gleich naturwidriger Neuerungslust“ abmahne.
Das meinte in vorsichtiger, durch die beginnenden Demagogenverfolgungen erzwungener zurückhaltender Form:
Kenntnis geschichtlicher Zusammenhänge trägt zu Evolution statt Revolution oder Reaktion im Gemeinwesen bei, sie empfiehlt den Politikern die Fortentwicklung bestehender Zustände, wenn sie Aufruhr oder Rückschritt vermeiden wollen.
Zahlreiche in der Folge gegründete Vereine spiegeln den hohen Stellenwert der Landes- bzw. Territorialgeschichte, war es doch herrschende Meinung, dass sie wichtige Beiträge zum Staatsbewusstsein leisten, die Identifizierung der Bürger mit den nach 1806/15 vielfach neu gebildeten Staaten des Deutschen Bundes erleichtern würden - der bayerische König hat 1827 die Bildung von Geschichtsvereinen deshalb geradezu obrigkeitlich angeordnet.
Ähnliches geschah in Rheinland-Pfalz.
Als dieses neue Bundesland 1946/47 aus den Trümmern preußischer, hessischer und bayerischer Gebietsteile entstand, hat die Landesregierung die Heranbildung von Landesbewusstsein durch Rückgriff auf die Kurfürstentümer Trier, Mainz und Pfalz, die wichtigsten Stände des kurrheinischen Reichskreises, fördern wollen - das Landeswappen lässt das noch heute erkennen, und derzeit laufende und vom Landtag und seiner Kommission für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz anerkannte und finanzierte landesgeschichtliche Projekte, insbesondere das Handbuch der Landesgeschichte, an denen das Institut für geschichtliche Landeskunde mitarbeitet, sind nicht zuletzt mit der Förderung der Landesidentität begründet.
In diesen Zusammenhang gehört auch die Einrichtung des Instituts für geschichtliche Landeskunde 1960, dessen Forschungen zur Landesgeschichte und Landeskunde ihren besonderen, wissenschaftlichen Beitrag zur Gewinnung eines eigenen Landesbewußtseins leisten.
Weshalb trat das Institut – wie übrigens 14 weitere Institute und 13 Historische Kommissionen – dem Gesamtverein bei?
Dieser wollte 1852 mit dem Correspondenzblatt, seit 1937 "Blätter für deutsche Landesgeschichte" genannt, die aus der Verteilung der Vereine über das ganze Staatsgebiet fließende Vielfalt historischer Erkenntnisse in einem wissenschaftlich arbeitenden Zentralorgan, eben den heutigen Blättern, sammeln, damit die Kräfte der Vereine bündeln und die Erkenntnisse der Vereinsarbeit ebenso allgemein bekannt machen wie eine wissenschaftliche Diskussion darüber ermöglichen:
Austausch der Arbeitsergebnisse, Zusammenarbeit und Bündelung der Kräfte, oder, um es mit den heute so beliebten Fremdwörtern auszudrücken:
Kommunikation, Kooperation und Streben nach Synergie stehen am Anfang der Arbeit des Gesamtvereins, und sie tun es noch heute, wobei sich der Blick zunehmend auf modernere Kommunikationsmittel wie Internet und digitale Veröffentlichungen richtet. Für Geschichte und Regionalgeschichte spielt das Mainzer Institut seit Jahren mit der von ihm aufgebauten Internetplattform Regionalgeschichte.net eine bedeutende, ja fast eine Vorreiterrolle.
Der Gesamtverein und seine 217 Mitglieder, darunter unser heutiger Jubilar, werden weiterhin gemeinsam ihre alten Aufgaben, darunter insbesondere die Pflege der Landesgeschichte, auch auf technisch neuen Wegen wahrnehmen.
Lassen Sie es mich noch einmal wiederholen:
Beschäftigung mit Geschichte ist - im Sinne Steins - nicht nur antiquarisches Interesse. Da jede Gegenwart sich als Zukunft einer Vergangenheit verstehen lässt, nimmt, wer den Blick auf Geschichte richtet, die Kommunikation mit jener Zukunft auf, die heute unsere Gegenwart ist, oder, wie es unser deutscher Gegenwartsphilosoph Odo Marquard im Jahre 2003 ausdrückte und auch den Politikern zu beachten empfahl: Zukunft hat Herkunft.
Landesgeschichte und Landeskunde befassen sich mit dem eigenen erfahrbaren Lebensumfeld, machen dieses begreifbar - oder tragen wenigstens zu seinem Verständnis bei - und errichten damit einen Wall der Vertrautheit gegen die oft als bedrohlich empfundenen anonymen Strukturen der globalen Gegenwart.
In diesem Sinne kann man Landesgeschichte als identitäts- und gemeinschaftsstiftenden Beitrag zur Festigung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung ansehen, zu deren in Art. 79 GG gewährleistetem Kernbestand die Bundesstaatlichkeit unseres Gemeinwesens gehört. Wer die Debatten um Länder- oder Kommunalreformen verfolgt, weiß, dass es weithin an emotionaler Verankerung in der Bürgerschaft und Politik mangelt, dass verfassungs- und staatspolitische Fragen oft mit dem Vorwand finanzieller Alternativlosigkeit entschieden werden sollen. Ähnlich sind auf der europäischen Ebene das Europa der Regionen, sind Solidarität und Subsidiarität strittig. Landesgeschichte im europäischen Vergleich ist deshalb auch Thema des am 15./16. Oktober 2010 in München anstehenden Tages der Landesgeschichte, den der Gesamtverein alljährlich an wechselnden Orten veranstaltet.
Meine Damen und Herren, ich wünsche dem Institut für geschichtliche Landeskunde die Fortsetzung seines bisherigen erfolgreichen Wirkens im Interesse der Wissenschaft, aber auch zum Wohle des Landes Rheinland-Pfalz und seiner Bürgerinnen und Bürger. Ich hoffe auf weitere tatkräftige Mitarbeit innerhalb des Gesamtvereins und sichere dem Institut dessen tatkräftige Unterstützung für seine Arbeit zu.